Die Ureinwohner Nordamerikas sind keine einheitliche Gruppe, sondern Hunderte eigenständige Nationen: In den USA sind 575 Tribes föderal anerkannt, in Kanada zählt der Zensus rund 1,8 Millionen First Nations, Inuit und Métis. Viele bevorzugen ihren eigenen Namen, etwa Diné oder Haudenosaunee. Ihre Geschichte prägen Vertreibung und Internate, ihre Gegenwart Selbstverwaltung und kulturelles Selbstbewusstsein.
Begriffe und Selbstbezeichnungen
Wie viele Nationen es gibt
Kulturräume im Überblick
Epidemien, Kriege, Vertreibung
Residential und Boarding Schools
Souveränität, Sprachen, Nunavut
Museen und Kulturzentren
Indigenes Land respektvoll besuchen
Powwow-Etikette
Häufige Fragen
Bilder aus Western und Abenteuerromanen haben mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Zwischen Arktis und Wüste leben Nationen mit eigenen Sprachen, Regierungen und Kunsttraditionen – in Reservaten ebenso wie in Großstädten. Diese Seite erklärt die passenden Begriffe, benennt die Gewalt der Kolonisierung offen und zeigt, wie Sie indigene Orte, Museen und Powwows respektvoll besuchen. Die Hochkulturen Mexikos und Mittelamerikas behandelt unsere Seite zu den präkolumbischen Kulturen von den Olmeken bis zu den Azteken. Stand aller Angaben: Oktober 2026.
Wie bezeichnet man die Ureinwohner Nordamerikas richtig?
Am besten mit dem Namen der jeweiligen Nation. Wo ein Oberbegriff nötig ist, sind in den USA Native Americans oder American Indians üblich, in Kanada Indigenous Peoples. Die kanadische Verfassung von 1982 nennt drei Gruppen: First Nations, Inuit und Métis.
Das deutsche Wort „Indianer“ geht auf den Irrtum von Christoph Kolumbus zurück, der 1492 glaubte, Indien erreicht zu haben. Die Fremdbezeichnung schließt Inuit und Métis nicht ein und ist mit Klischees beladen; wir verwenden sie nur historisch. Auch „Eskimo“ empfinden viele Inuit als kolonial aufgezwungen. Viele Nationen bevorzugen ihre Eigennamen: Diné für die Navajo – beide Namen sind gebräuchlich, die Regierung heißt offiziell Navajo Nation –, Haudenosaunee („die das Langhaus bauen“) statt Irokesen, Lakota und Dakota für die als Sioux bekannten Völker.
Wie viele indigene Nationen gibt es in den USA und Kanada?
In den USA erkennt das Bureau of Indian Affairs 575 Tribes an, 228 davon in Alaska; zuletzt kam im Dezember 2025 die Lumbee Tribe hinzu. Beim Zensus 2020 bezeichneten sich 3,7 Millionen Menschen ausschließlich als American Indian oder Alaska Native, weitere 5,9 Millionen in Kombination mit anderer Herkunft.
Kanadas Zensus 2021 zählte 1,8 Millionen Indigene, 5,0 Prozent der Bevölkerung: rund 1,05 Millionen First Nations, 624.000 Métis und 70.500 Inuit. Es gibt 634 anerkannte First-Nations-Regierungen oder Bands. Die Métis entstanden ab Mitte des 17. Jahrhunderts aus Familien von First Nations und vor allem französischen Pelzhändlern und Siedlern – heute ein eigenständiges Volk.
| Thema | Schnellfakten (Stand: Oktober 2026) |
|---|---|
| USA | 575 föderal anerkannte Tribes (Bundesliste Januar 2026), davon 228 in Alaska |
| Zensus USA 2020 | 3,7 Mio. ausschließlich indigen, weitere 5,9 Mio. mit Mehrfachangabe |
| Zensus Kanada 2021 | 1,81 Mio. Indigene (5,0 %): First Nations, Métis, Inuit |
| Größtes Reservat | Navajo Nation, rund 71.000 km², Regierungssitz Window Rock (Arizona) |
| Nunavut | Territorium seit 1. April 1999, 84 Prozent der Bevölkerung Inuit |
Welche Kulturräume unterscheidet die Forschung?
Ethnologen gliedern die USA und Kanada meist in zehn Kulturräume – eine grobe Ordnung, keine Grenze zwischen Identitäten:
- Arktis und Subarktis: Inuit und Yup’ik im Norden, Cree und Dene in den borealen Wäldern.
- Nordwestküste: Haida, Tlingit und Coast Salish, bekannt für Plankenhäuser und Wappenpfähle aus Zedernholz.
- Plateau, Great Basin, Kalifornien: Nimíipuu (Nez Perce), Shoshone, Paiute, Pomo.
- Südwesten: Diné, Apache, Hopi, Zuni und die Pueblos am Rio Grande.
- Plains: Lakota, Cheyenne, Niitsitapi (Blackfoot), Comanche.
- Nordosten und Südosten: Haudenosaunee, Anishinaabe, Mi’kmaq, Cherokee, Muscogee, Choctaw.
Was bedeutete die Kolonisierung für die indigenen Völker?
Einen Bevölkerungseinbruch historischen Ausmaßes und den Verlust des größten Teils ihres Landes. Die Zahl der Menschen vor 1492 ist umstritten: Schätzungen für das Gebiet der heutigen USA reichen von 2 bis über 18 Millionen, der Geograf William Denevan kam für USA und Kanada auf rund 3,8 Millionen. Ende des 18. Jahrhunderts lebten auf US-Gebiet noch etwa 600.000 Indigene. Pocken und andere eingeschleppte Krankheiten wirkten verheerend – Ende der 1630er-Jahre starb mehr als die Hälfte der Wendat –, verschärft durch Kriege, Hunger und Landraub. Mehrere Standardwerke der Genozidforschung werten Teile der Kolonialpolitik als Völkermord.
Mit dem Indian Removal Act von 1830 begann die Deportation der Völker des Südostens: Bis 1850 wurden rund 60.000 Cherokee, Muscogee, Seminolen, Chickasaw und Choctaw nach Westen vertrieben, allein auf dem Trail of Tears der Cherokee starben etwa 4.000 Menschen. 1864 trieb die US-Armee rund 8.000 Diné auf dem Long Walk etwa 500 Kilometer weit in die Internierung nach Bosque Redondo; erst der Vertrag von 1868 erlaubte die Rückkehr in ein Reservat. Am 29. Dezember 1890 töteten Soldaten bei Wounded Knee zwischen 250 und 300 Lakota, viele davon Frauen und Kinder. In Kanada regelt seit 1876 der Indian Act Status, Bands und Reserves – ein bis heute gültiges Gesetz, das lange auf Assimilation zielte. Den Beginn der Kolonisierung schildert die Seite zu Entdeckung und Kolonialzeit.
Was geschah in den Residential Schools und Boarding Schools?
Beide Staaten nahmen indigenen Familien über Generationen die Kinder weg, um ihre Kulturen zu verdrängen. In Kanada kamen rund 150.000 Kinder in staatlich finanzierte, meist kirchlich geführte Residential Schools; die letzte schloss 1997. Kinder wurden für ihre Sprache bestraft, Misshandlungen und sexueller Missbrauch sind dokumentiert. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) hörte von 2008 bis 2015 Überlebende an, belegte mindestens 4.118 Todesfälle, meist durch Krankheiten wie Tuberkulose, und wertete das System als kulturellen Genozid. Ihr Bericht enthält 94 „Calls to Action“. 2022 bezeichnete Papst Franziskus das System als Völkermord.
In den USA wurde die 1879 gegründete Carlisle Indian Industrial School zum Vorbild; mit ihrem Gründer Richard Henry Pratt verbindet man das Motto „Kill the Indian, save the man“. Ein Untersuchungsbericht des Innenministeriums nannte 2022 insgesamt 408 Bundesinternate, der zweite Band 2024 mindestens 973 gestorbene Kinder. Am 25. Oktober 2024 entschuldigte sich Präsident Joe Biden offiziell im Namen der Regierung.
Wie leben indigene Nationen heute?
Als politische Gemeinschaften mit eigenen Regierungen. Föderal anerkannte Tribes gelten in den USA als „domestic dependent nations“: Auf ihrem Land gelten Stammesrecht, Stammesgerichte und Bundesrecht, viele Gesetze der Bundesstaaten dagegen nicht. Die Navajo Nation ist mit rund 71.000 Quadratkilometern das größte Reservat der USA. Die große Mehrheit der Native Americans lebt allerdings außerhalb von Reservaten.
In Kanada schützt Abschnitt 35 der Verfassung die Rechte der indigenen Völker. Am 1. April 1999 entstand aus einem Landrechtsabkommen mit den Inuit das Territorium Nunavut. Bei den Sprachen wächst der Widerstand gegen den Verlust: Ein US-Gesetz von 1990 beendete offiziell die Politik der Sprachunterdrückung, in Kanada sprachen 2021 gut 237.000 Indigene eine indigene Sprache.
Welche Museen und Kulturzentren lohnen sich für Reisende?
Vor allem jene, in denen indigene Stimmen selbst erzählen:
- National Museum of the American Indian, Washington: Das Smithsonian-Haus an der National Mall öffnete 2004, das Café Mitsitam serviert indigene Regionalküchen. Mehr im Washington-Reiseführer.
- Heard Museum, Phoenix: Seit 1929 zeigt es Kunst und Geschichte aus der Ich-Perspektive der Native Americans.
- Museum of Anthropology an der University of British Columbia: Arthur Ericksons Bau von 1976 greift die Pfosten-Balken-Architektur der Nordwestküste auf. Mehr im Vancouver-Guide.
- Canadian Museum of History, Gatineau: Douglas Cardinals Bau gegenüber von Ottawa beherbergt die First Peoples Hall, siehe Ostkanada.
Wie besuchen Sie indigenes Land respektvoll?
Als Gast, der die Regeln der jeweiligen Nation befolgt. Monument Valley ist kein Nationalpark, sondern ein Navajo Tribal Park; der US-Nationalparkpass gilt dort nicht. Auf dem Gebiet der Navajo Nation sind Drohnen und Alkohol verboten, das Klettern auf den Felsen ebenso, und Menschen fotografieren Sie nur mit Erlaubnis. Praktisches steht im Guide zum Südwesten der USA.
Der Canyon de Chelly liegt vollständig auf Navajo-Land, ist seit über 4.000 Jahren bewohnt und bis heute Heimat von rund 40 Familien; Eintritt wird nicht erhoben. Aussichtspunkte und White House Trail besuchen Sie selbstständig, den übrigen Canyonboden nur mit Touren. Allgemein gilt:
- Betreten Sie keine Höfe, Häuser oder Zeremonialstätten ohne Einladung.
- Bei Zeremonien sind Fotos und Videos oft untersagt – fragen Sie vorher.
- Nehmen Sie keine Steine, Scherben oder Federn mit; was auf heiligen Orten liegt, bleibt dort.
- Kaufen Sie Schmuck und Kunst möglichst direkt bei den Kunstschaffenden.
Wie verhalten Sie sich als Gast beim Powwow?
Zurückhaltend: Viele Powwows sind öffentlich, aber Feste der Gemeinschaft, keine Shows. Eröffnet wird mit dem Grand Entry, dem Einzug der Tanzenden. Ihre Kleidung heißt Regalia, nicht Kostüm. Berühren Sie weder Regalia noch Trommeln, und fotografieren Sie Personen nur nach Rückfrage. Achten Sie auf die Ansagen des Moderators (MC), der Tanzende und Publikum durch den Ablauf führt. Als größtes Powwow Nordamerikas galt lange die Gathering of Nations in Albuquerque; laut Veranstalter war die Ausgabe 2026 die letzte (Stand: Oktober 2026). Viele weitere Powwows finden das ganze Jahr über statt.
Darf man im Deutschen noch „Indianer“ sagen?
Das Wort ist eine koloniale Fremdbezeichnung voller Klischees. Viele bevorzugen den Namen ihrer Nation, etwa Diné, Lakota oder Cree. Als Oberbegriffe passen Native Americans in den USA und First Nations, Inuit und Métis in Kanada; „Indianer“ taugt allenfalls erklärend im historischen Zusammenhang.
Kann man ein Reservat einfach besuchen?
Viele Reservate durchqueren Sie auf öffentlichen Straßen, Tribal Parks und Kulturzentren heißen Gäste willkommen. Sie betreten aber Land mit eigener Regierung und eigenen Gesetzen: Drohnen, Alkohol oder Fotos können verboten sein, abseits der Wege brauchen Sie oft einen lokalen Guide.
Was unterscheidet First Nations, Inuit und Métis?
First Nations sind die zahlreichen Völker südlich der Arktis, etwa Cree, Haida oder Mi’kmaq. Inuit leben in der Arktis, vor allem in Nunavut, Nunavik, Nunatsiavut und den Nordwest-Territorien. Die Métis entstanden ab dem 17. Jahrhundert aus Familien von First Nations und Europäern und bilden ein eigenes Volk.
Wo lernt man in Kanada am meisten über indigene Kulturen?
Einen guten Einstieg bieten die First Peoples Hall im Canadian Museum of History bei Ottawa und das Museum of Anthropology in Vancouver. Vertiefen lässt sich das in Kulturzentren, die First Nations selbst betreiben, oft mit Führungen durch Mitglieder der Gemeinde.
Warum ist Nunavut für Inuit so wichtig?
Nunavut ist das größte und nördlichste Territorium Kanadas. Rund 84 Prozent der Bewohner sind Inuit, Inuktut ist neben Englisch und Französisch Amtssprache. Das Territorium steht für Selbstbestimmung, nachdem der Staat in den 1950er-Jahren noch Inuit-Familien in die Hocharktis zwangsumgesiedelt hatte.
Mehr über die Epochen des Kontinents lesen Sie im Hub Geschichte & Kultur.
